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»Das Rote Wien 1919-1934« MUSA

Eine kalte Woche. Brr. Zum verlängerten Wochenende wurde es glücklicherweise wärmer. Ein paar schöne Herbsttage bevor der Winter kommt. Diesmal besuchte ich zur späten Stunde die Ausstellung »Das Rote Wien« im Wien Museum MUSA. Eine kulturhistorische Ausstellung im MUSA? Ja, du hast richtig gelesen. Denn das Wien Museum wird zurzeit umgebaut, weshalb das MUSA als eines der Ausweichquartiere dient.

Das MUSA liegt gleich neben dem Wiener Rathaus in der Felberstraße. Es ist somit einfach zu erreichen. Das Museumsschild leuchtet, nicht nur bei Nacht, von der braun-schwarzen Steinfassade. Arkaden schützen den Fußgänger vor Sonne, Schnee und Regen.

Wien Museum MUSA Rotes Wien

Wien Museum MUSA am Tag

Als ich ankam war’s noch Tag. Aber bald wird’s finster.

Zeitlich schließt die Ausstellung an jene im Leopoldmuseum an. Aber es gibt noch einen zweiten Grund, wieso ich diese Ausstellung auserwählt habe. Am ersten Sonntag im Monat verlangt das Wien Museum in all seinen Niederlassungen keinen Eintritt. Fantastisch. Der Andrang war deswegen auch recht hoch.

Vollgepackt mit Menschen und vielen Ausstellungsstücken wirkt der einzige Ausstellungsraum ein wenig eng und klein. Normalerweise stehen hier nur ein paar Kunstwerke.

Eröffnet wird die Ausstellung von einer lebensgroßen nackten Männerskulptur. Mit ausgestreckten Armen umfasst sie, so scheint mir, den ganzen Raum. Die Ausstellung teilt sich dann in thematische Sektoren auf, um die Errungenschaften des Roten Wien gebührend zu feiern. Ein Im-Uhrzeigersinn-Gehen ist zwar vorgesehen aber nicht zwingend notwendig.

Nachdem die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreich (SDAP) 1919 die Gemeinderatswahl gewonnen hatte, musste sie etliche Probleme lösen. Der Krieg war vorbei, doch Wien wurde von den Nachwirkungen des Krieges beherscht: Nahrungsmangel, Wohnungsnot, Krankheit, Inflation, um ein paar zu nennen.

Als erste große Errungenschaft des Roten Wiens, die bis in die Gegenwart reicht, wird deswegen die Wohn- und Baupolitik präsentiert. Sie löste das dringenste Problem, den Wohnungsnotstand.

Rotes Wien Wohnbau

60.000 sind's bisher, 80.000 sollen es werden! Siegfried Weyr. 1927

Quelle: Wienbibliothek im Rathaus. Rotes Wien. AC10599840. www.digital.wienbibliothek.at

Um der Wohnungs- und Lebensmittelnot zu entkommen, war die Wiener Arbeiterschaft bereits an den Stadtrand gezogen. Dazu gesellten sich Flüchtlinge aus der Monarchie. Die so entstandene Siedlerbewegung wurde von der SDAP erheblich unterstützt und gefördert.

Auch innerstädtisch musste das Problem angegangen werden. Die Gemeinde Wien erwarb große Freiflächen und baute darauf Wohnhäuser. Dabei setzten sie auch neue Normen, um die Wohnbedingungen der Wiener Arbeiterschaft zu verbessern: große Räume und Sanitäranlagen in der Wohnung statt Bassena am Gang – Luxus für die damalige Zeit. Kindergärten, Wachküchen und Bibliotheken alles war in einem Bau für die Bewohner zur freien Benutzung bereitgestellt. Das berühmteste Beispiel ist sicherlich der Karl-Marx-Hof in Döbling, einem Nobelviertel.

Für mich besonders interessant sind die beigelegten Gemeindebauhefte. Jeder Gemeindebaubewohner hatte ein solches erhalten. Darin werden die Vorzüge des neuerrichteten Baus für den Bewohner genau beschrieben. Ich blättere darin, schau dabei Pläne an und lies ein paar Zeilen. Auch bei anderen Themenschwerpunkten liegen solche Büchlein bereit.

Karl Marx-Hof Begleitheft

Der Karl Marx-Hof. 1930

Quelle: Wienbibliothek im Rathaus. Rotes Wien. AC02146271. www.digital.wienbibliothek.at

Wie wurde das alles bezahlt? Woher kam das Geld? Die Finanzierung erfolgte über neue progressive Steuern, die sogenannten Breitner-Steuern, benannt nach dem Finanzstadtrat Hugo Breitner. Diese speisten einen Wohnbaufond, mit die aufwendigen Bauprojekte gefördert wurden. Die Luxussteuer war jedoch umstritten.

Plakat Breitner Steuern

Breitner Steuern. Darum wählt Sozialdemokratisch. Victor Slama. 1927

Quelle: Wienbibliothek im Rathaus. Rotes Wien. AC10568648. www.digital.wienbibliothek.at

Auch bei der Gesundheitspolitik griff die Stadt ein. Dies war dringend notwendig, denn die Bevölkerung war aufgrund der harten Kriegsjahre unterernährt und litt an Tuberkulose. Die eugenische Position von Julius Tandler, den für Gesundheitspolitik zuständigen Stadtrat, wird zwar erwähnt, aber nicht näher erläutert. Schade, eine vergebene Möglichkeit.

Bei der Erziehungspolitik verfolgte Wien reformpädagogische Ansätze. Der Lehrer sollte nicht das Wissen den Schülern notfalls mit Gewalt eintrichtern, sondern die Schüler sollten selbständig lernen. Ausschlaggebend für diesen Kurs war Otto Glöckel. Er schränkte auch die Macht der katholischen Kirche bei Bildungsangelegenheiten ein. Als Ausstellungsobjekt ist ein Miniaturmodell einer Modellschule ausgestellt. Wunderbar.

Auch die Erwachsenenbildung war ein Betätigungsfeld der Gemeinderegierung. So wurden die neuen Gemeindebauten mit Bibliotheken ausgestattet. Vor allem Otto Neurath, ein Nationalökonom, engagierte sich bei der Weiterbildung der Arbeiterschaft an Volkshochschulen.

Unter Käthe Leichter, einer Sozialwissenschafterin, wurde dem Leben der Arbeiterin besondere Beachtung geschenkt. Sie entwickelte Fragebögen, um die Probleme und Sorgen der Arbeiterinnen zu erforschen. Außerdem reifte die Frauenpolitik der SDAP unter ihrer Ägide.

Für Spiel und Spaß in der Freizeit sorgte ebenfalls die Wiener SDAP. Es wurden etliche Vereine gegründet, am bekanntesten sind wahrscheinlich die Naturfreunde, und Bäder erbaut. Zum Sport hatte das Rote Wien jedoch ein zwiespältiges Verhältnis. Der Profifußball wurde verdammt, aber der Amateursport hochgelobt. So zelebrierte Wien 1931 die zweite Arbeiterolympiade im dafür errichteten Praterstadion.

Ein Themenblock, der für mich etwas zu kurz kommt, ist die politische Lage in der Ersten Republik. Dem hätte man durchaus mehr Platz widmen können. Die wichtigsten Ereignisse, wie Justizpalastbrand, Februarkämpfe, und dann das Exil der sozialistischen Politiker werden zwar erwähnt, aber eben nicht mehr.

Trotzdem eine kleine feine Ausstellung. Wer wird denn schon meckern bei freiem Eintritt.

Ganz im Finstern, ja die Zeitumstellung, troll ich mich auf meinem Rad schließlich nach Hause.

Wien Museum MUSA Rotes Wien bei Nacht

Wien Museum MUSA in der Nacht

Beim Rauskommen war’s schon stockfinster.


Anmerkungen

Ausstellungszeitraum:

30.4.2019 bis 19.1.2020.

Preise:

7 €; ermäßigt 5 €; unter 19 Jahre frei; erster Sonntag im Monat frei.

Öffnungszeiten:

Täglich 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr außer Montag.

Website:

https://www.wienmuseum.at/

Sonstiges:

Zur Ausstellung gibt es auch einen dicken Schmöker für 39 € als Ausstellungskatalog: Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis ISBN 978-3-03561-957-7