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Buchbesprechung – Die Stadt ohne Juden

Als ich bei meinem letzten Ausflug in der Stadt herumspazierte und radelte, dabei hat man ja ausgiebig Zeit zum Denken, kam mir der Gedanke, ein Buch, welches sich irgendwie mit Wien in der Zwischenkriegszeit befasst, zu lesen. Dadurch kann ich mich immer so richtig in eine Epoche hineinfühlen.

Nun gibt es ja eine große Auswahl, denn der reichhaltige Literaturbetrieb schwappte aus der Monarchie in das republikanische Österreich. Ein Reigen berühmter Namen, wie Franz Kafka, der Zeitgenossen zwar kaum bekannt war, aber dafür posthum gerühmt wurde, Joseph Roth mit seinen Abgesängen an das Habsburgerreich, Franz Werfel, der sich in seinen Theaterstücken und Erzählungen zunehmend dem Christentum zuwandte, Stefan Zweig, der eine Vielzahl an Novellen schrieb, oder Karl Kraus mit seiner bissigen Satire, stehen als Lesestoff zur Verfügung.

Ich könnte noch viele weitere Namen anführen, doch ich möchte auf einen Umstand hinweisen, der die Genannten verbindet: Sie waren Juden beziehungsweise zum Christentum konvertierte Juden und bezeugen die Prominenz der Juden in Wien. Eine Stadt ohne Juden wäre für Wien undenkbar.

Biographie

Aber genau jenen Titel »Die Stadt ohne Juden« hat das Werk von Hugo Bettauer, welches ich wegen seiner Thematik besprechen möchte. Jedoch zunächst noch eine Biografie Bettauers. Seine Eltern emigrierten von Lemberg in die Hauptstadtregion des Reiches, wo er auch geboren wurde. Mit 18 konvertierte Hugo vom jüdischen zum evangelischen Glauben und änderte dabei auch gleichzeitig seinen Namen von Betthauer zu Bettauer. Er heiratete und wanderte nach New York aus, kehrte jedoch bald wieder nach Europa zurück, da er in Amerika keine Arbeit fand. Über Deutschland, wo er als Journalist Arbeit gefunden hatte, führte sein Weg 1910 nach Wien zurück. Seine Novelle »Die Stadt ohne Juden« wurde 1922 veröffentlicht und wegen des großen Erfolges des Buches sogleich verfilmt. Der Film unter demselben Titel wurde 1924 uraufgeführt.

Inhalt

Die Geschichte der kurzen Novelle ist schnell zusammengefasst. Wien am Beginn der 1920er. Nach dem verlorenen Krieg wird die Stadt von der Inflation der Krone geplagt. Schuld an der misslichen Lage haben laut Bevölkerung und Regierung die Juden. »Juden raus«, lautet das Motto und so geschieht es auch. Die Regierung verbannt die Juden aus Österreich, binnen sechs Monaten müssen alle das Land verlassen. Familien und Liebschaften werden zum Leidwesen der Betroffenen ohne Rücksicht getrennt. So auch jene zwischen Lotte Spineder und Leo Strakosch, den beiden Hauptprotagonisten der Erzählung. Nach einem kurzen Aufschwung sackt die Wirtschaft wieder ab und so mancher Wiener murrt, dass die Verbannung ein Fehler gewesen sei. Leo hält die Trennung von seiner Geliebten im Exil in Frankreich nicht mehr aus und kehrt deswegen inkognito nach Wien mit dem Plan, das Gesetz rückgängig zu machen, zurück. Sein Streben ist von Erfolg gekrönt. Die Juden können zurückkehren und Leo kann seine Geliebte Lotte heiraten. Happy End.

Die Geschichte endet glücklich, da die Wiener einsehen, dass die Juden ein essenzieller Teil der Stadt sind, Bettauers Leben endete jedoch tragisch. 1925 wird er durch ein Attentat ermordet. Der Attentäter, ein Mitglied der NSDAP, verbüßte für den Mord lediglich eine Haftstrafe von 18 Monaten. Das Schicksal Bettauers birgt damit retrospektiv eine erschütternde Vorahnung für die Shoa. Die Ausweisung der Juden wird, anders als in der gewaltlosen Fiktion Bettauers, blutig und mörderisch sein, so wie Bettauers Tod. Ein Happy End, ein Einsehen, eine Rückkehr wird es nicht geben, dazu ist der Hass zu groß.

Interpretation

In der Novelle skizziert Bettauer ein zeitkritisches Bild Wiens nach dem Ersten Weltkrieg. Wien steht unter dem Druck einer wirtschaftlichen Krise, der Inflation. Es herrscht grassierender Antisemitismus. Aufmärsche und Proteste sind die Folge. Der Antisemitismus wird dabei von der Christlichsozialen Partei unter der Führung des fiktionalen Kanzlers Dr. Karl Schwertfeger befeuert. Die Figur ist möglicherweise an Dr. Karl Lueger angelehnt, der als christlichsozialer Politiker mit antisemitischen Tiraden den Wiener Bürgermeistersessel vor dem 1. Weltkrieg eroberte. In der fiktiven Rede des Kanzlers vor dem Parlament für die Abstimmung über die Ausweisung der Juden verwendet Schwertfeger alle bekannten jüdischen Stereotype und Vorurteile, die heute leider noch immer Verwendung finden. Er beschwört einen Konflikt zwischen Christen und Juden auf, wobei die jüdische Minderheit an den zentralen Stellen der Macht sitzt und so die christliche Mehrheit unterdrückt. Nach der fulminanten Rede stimmen die Abgeordneten für das Gesetz, nur die Sozialdemokratische Partei stimmt als einzige dagegen.

Die negativen Stereotype deutet Bettauer nach der Ausweisung der Juden in weiterer Folge um. Nicht nur die Juden sind gierig nach Geld, sondern auch die Christen. Die Regierung erlaubt den Verbannten nur einen gewissen Vermögenswert zur Mitnahme ins Ausland, doch diese Beschränkung wird durch die Mithilfe der Christen, die gierig auf das Vermögen der Juden schielen, umgangen. Denn sie transferieren das jüdische Vermögen für einen erheblichen Anteil daran ins Ausland, so schaut der Staat, der sich erhebliche Einnahmen erhofft hatte, durch die Finger.

Auch mit dem Kulturbetrieb und dem Luxus geht es bergab. Die Christen sparen lieber, anstatt das Geld zu verprassen. Wiens Kulturleben verwandelt sich – es verländlicht, verbäuerlicht. Diese Überlegung führt Bettauer durch den Erzählstrang des Luxuswarenverkäufers Habietnik aus. Handelt es sich bei dem Nachnamen gar um ein Wortspiel? Bettauer lebte ja eine Zeit lang in Berlin und der Nachname erinnert frappant vom Wortlaut her an die Berliner Umgangssprache – aus Hab-iet-nik wird so übersetzt Hab-ich-nicht. Aber sei’s drum, zurück zum Erzählstrang.

Wilhelm Habietnik, zuvor der erste Verkäufer in der Damenabteilung des großen Luxuskleidungsgeschäfts Zwieback in der Kärtnerstraße, kann sich eben jenes Geschäft nach der Ausweisung der jüdischen Besitzer sichern. Vor dem Hinauswerfen der Juden blühte das Geschäft und Habietnek vermeinte nun eine Goldgrube zu besitzen, doch der Verkauf edler Toilette flaut ab. Auch christliche Frauen, die früher das Geschäft frequentiert haben, bleiben fern, denn die jüdische Konkurrenz fehlt und ihre Gatten sind knausrig. Schweren Herzens muss Habietnik Samt und Seide aus dem Schaufenster verbannen und Loden und Filz ausstellen, um das Sortiment an den geänderten Geschmack anzupassen.

Aber Habietnik ist nicht der einzige Geschäftstreibende, dem es seit der Verbannung der Juden schlecht ergeht. Angeregt durch Leo gründete er mit hundert anderen unzufriedenen Wiener Kaufleuten eine neue Partei, die für die Aufhebung des missratenen Gesetztes eintritt, um bei den durch Leos Agitationen hervorgerufenen Neuwahlen erfolgreich zu reüssieren. Zusammen mit den Sozialdemokraten und der Hilfe Leos, der einen christlichsozialen Abgeordneten durch List von der Abstimmung fernhielt, wird das Gesetz abgeschafft.

Für Bettauer würde Wien sich mit der Verbannung der Juden selbst verbannen. Die Wiener Kultur ist untrennbar mit ihrer jüdischen Bevölkerung verbunden. Ohne sie wäre auch für die verbliebenen christlichen Wiener Wien nicht mehr Wien, sondern ein schläfriges Provinznest statt einer pulsierenden Großstadt.


Hugo Bettauer. Die Stadt ohne Juden. Ein Roman von übermorgen. Gloriette-Verlag, Wien: 1922.

Anmerkung: Das Buch befindet sich auf Projekt Gutenberg.