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Steinhof und Sandleiten – Eine Erzählung

baumkrone in rot
gefärbt, unerreichbar hoch.
schwebt davon.

Ein Nachmittag Zeit. Herbst. Die Sonne kämpft sich durch Wolkenlagen, überwindet sie, erhellt. Sie streckt ihre Fühler aus. Bäume, Sträucher, Gräser greifen dankbar danach. Ein letzter Kräfteschub bevor Schnee und Kälte sie in einen grauen Schleier hüllt.

Blick auf den Wienerwald und das Wiental von den Steinhofgründen.

Steinhofgründe

Der Park, der oberhalb des Spitals liegt, bietet einen wunderschönen Blick auf das Wiental und den Wienerwald.

Ich sitze verschlossen in Wärme. Der Blick hinaus: Angenehm. Doch kommt der Wunsch auf, die Zeit zu genießen. Hinausgehen, aus der wohligen Umgebung, um frische, kühle Luft zu atmen. Eingepackt in Mantel, Handschuhe und Haube – mein Schutz zum Trotz der Kälte – verlass ich für ein paar Stunden die gewohnte Wärme.

Im Hof steht mein Rad bereit.

Kühlender Fahrtwind, doch schon bald wird mir wärmer. Bergauf, der tief stehenden Sonne entgegen. Die körperliche Anstrengung wärmt. Der Mantel hält sie fest, lässt sie nicht entfliehen.

Häuser fliehen unmerkbar vorbei. Die grauen Steinschluchten lichten sich. Reihen von Laubbäumen mit kahler Krone, nur noch spärlich geziert von rostbraunen Blättern, und Serien von Nadelbäumen sprießen stattdessen aus dem Boden; dazwischen braungrüne Wiesen und Gärten mit Häuschen.

Spaziergänger gehen und Läufer laufen mir entgegen. Ausweichen. Auch sie genießen den Nachmittag und tanken Energie.

Der große Park, die Steinhofgründe, lässt sich blicken – mein Ziel. Eine Steinmauer, der ich folge, umringt und begrenzt ihn. Die goldene Kirchenkuppel thront weithin sichtbar über Baumspitzen.

Jugendstil-Pavillon des Otto-Wagner-Spitals auf den Steinhofgründen

Otto-Wagner-Spital Pavillon

Die Anlage wurde 1907 als »Niederösterreichische Landes-Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Geisteskranke Am Steinhof« eröffnet. Langjähriger Direktor war der Nobelpreisträger Julius Wagner-Jauregg. Während der NS-Zeit wurde der Großteil der Patienten nach Schloss Hartheim abtransportiert und getötet, um Platz für eine Jugendfürsorgeanstalt zu schaffen. Die übrigen Patienten und die Kinder wurden für Experimente benutzt und durch bewussten Nahrungsentzug und Vernachlässigung ermordet. Die Gedenkstätte Steinhof erinnert an diese Verbrechen.

Die Mauer löst sich in einen Torbogen auf. Da, eine Öffnung. Serpentinen schlängeln sich vorbei an Pavillons und Bäumen den Hang hinauf. Eine psychiatrische Heilanstalt des 20. Jahrhunderts, die nicht immer an das Wohl ihrer Patienten dachte, sitzt am Fuß des Hangs. Über hundert Jahre altes Gemäuer. Viel Leid gravierte sich in ihnen ein.

Kirche am Steinhof versteckt hinter Bäume

Kirche am Steinhof versteckt hinter Bäume

Ebenso wie die Heilanstalt wurde die Kirche 1907 eröffnet. Für die Planung zeichnete Otto Wagner verantwortlich. Sie ist eine der Hauptwerke des Wiener Jugendstils.

Rote Backsteinmauern, weiße Fensterrahmen, gräulich-grüne Wiesen vom rostbraunen Laub der Alleebäume bedeckt. Eine Abkürzung sticht in gerader Linie hinauf. Fußgänger können sie nehmen. Ich verbleibe auf der Straße, radel mit dem kleinsten Ritzel hoch.

Die goldene Kuppel der Kirche blitzt immer wieder hervor. Byzanz?

So viele Kehren, ein kleines Alpe d’Huez. Die Sonne erleuchtet so manchen Pavillon und offenen Wiesenfleck bevor sie sich zurückzieht, um wieder zurückzukehren. Das letzte Steilstück erreicht – zu steil. Absteigen und fortan schieben.

Kirche am Steinhof von vorne, Eingang

Kirche am Steinhof Eingang

Auf den Türmen thronen die Heiligenfiguren von Leopold(links) und Severin(rechts). Die Bleiglasfenster wurden von Koloman Moser entworfen und von Leopold Forstner umgesetzt.

Mein Ziel – erreicht. Die Otto-Wagner-Kirche am Steinhof, dem Heiligen Leopold geweiht, auf einem Turm thront er, mit bester Aussicht. Auf jeden Fall ein Glanzstück der Wiener Secession. Sie überblickt die gesamte Anlage, weilt oberhalb. Die goldene Kuppel (2 kg Blattgold!) spiegelt die Sonnenstrahlen.

Danach hinauf in den Park – gepflegte Natur. Radfahren verboten! So muss ich weiter schieben.

Ohne Hast bergauf durch ein kleines Waldstück. Laub verdeckt den Weg.

Oben wird es flacher. Bäume formen eine Allee, weisen den Schotterweg aus, schlagen einen langen Schatten, obwohl es erst kurz nach Mittag ist. Eine Wiese gibt den Blick auf den bewaldeten Gegenhang, einen Teil des Wienerwalds frei. Am Horizont verschwinden sanft seine welligen Höhen.

Der Herbstwind frischt auf. Er beutelt Papierdrachen, wie ein Segel, in der Luft. Sie steigen, steigen und steigen. Eine Freude für Drachenzähmer und deren Publikum.

Drachensteigen auf den Steinhofgründen

Drachensteigen

Ein herrliches Spiel. Der Herbstwind hebt die Drachen in die Höh.

Der Wiesenboden ist vom Tau mancherorts noch feucht und weich. Die Sonne konnte dort hinter den Schatten der Bäume nicht wirken. So hinterlassen Schuhe ihr Profil – eine Verewigung, jedoch für kurze Zeit.

Stille, Idylle, wenn da nicht die Einflugschneise nach Schwechat wäre. Laut rauschen die weißen Flieger, ziehen eine graue Spur. Ein Blick Richtung Wien: Entfernte Hochhäuser und Schornsteine ragen aus dem Betonrelief.

Vor der Bibliothek im Sandleitenhof

Vor der Bibliothek im Sandleitenhof

Der Sandleitenhof wurde von 1924 bis 1928 aus den Mitteln der Wohnbauförderung der Stadt Wien errichtet. Er ist das größte Wohnbauprojekt des Roten Wiens mit 1587 Wohnungen. Daneben beherbergt(e) der Hof einen Kino/Veranstaltungssaal, eine Bibliothek, einen Kindergarten, eine Wäscherei und Platz für unzählige Lokale und Werkstätten.

Langsam wird’s frisch. Mich fröstelt. Der Wind. Doch einen Besuch hab ich noch vor – Sandleitenhof.

Eingebremst rase ich von oben herab. Unten angekommen heißt es wieder treten. Das wärmt.

Zurück in der Häuserschlucht. Gleichförmige, sandbraune Bauten mit roten Ziegeldächern. Aber der Sandleitenhof besteht nicht nur aus einem, sondern aus vielen Höfen. Zergliedert – eine Stadt in der Stadt und genauso vollgeparkt mit Autos. Die stören, denn der Hof ist mit seinen kleinen Plätzen für Fußgänger gedacht.

Ein Bronzejunge mit Büchern bepackt kommt aus der Bibliothek. Beileibe nicht die einzige Plastik, die den Hof ziert.

Eine Tasse Tee, wie angenehm, in der warmen Wohnung.