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»Wien 1900« Leopoldmuseum

Es nieselt leicht; er färbt die Straße schwarz. Sprühnebel. Was tun? Ein Tag, um ins Museum zu gehen, um eine Ausstellung zu besuchen? Das Leopoldmuseum hat eine über die Wiener Moderne zusammengestellt. Die habe ich schon lange im Hinterkopf. Somit schwing ich mich nach Beendigung meines Mittagessens auf mein rotes Puchrad und fahr in die Stadt, um einen Nachmittag im Museum zu verbringen.

Das Museum

Als großer weißer Muschelkalkblock dominiert das Leopoldmuseum gemeinsam mit der Kunsthalle und dem MUMOK den Haupthof des Museumsquartiers. Die Barockfassaden der vormaligen Hofstallungen bilden einen ansprechenden Kontrast zur modernen Architektur des Museums.

2001 eröffnet, um der Kunstsammlung von Rudolf Leopold einen festen Ausstellungsort zu verschaffen, beherbergt es vor allem Bilder von Künstlern der Wiener Moderne, unter anderem die größte Schiele-Sammlung weltweit.

Eintrittskarte Leopoldmuseum Wien 1900

Eintrittskarte Leopoldmuseum.

Das Museum liegt zentral zu anderen Wiener Sehenswürdigkeiten und Museen. Mit ihrer langgezogenen Front schließen die Stallungen den Maria Theresien Platz südwestlich ab. In der Nähe befinden sich außerdem das Naturhistorische und das Kunsthistorischen Museum. Die Wiener Hofburg ist ebenfalls rasch erreichbar. Daneben ist das Museum durch die U-Bahnstation Museumsquartier (Linie U2) vorzüglich in das öffentliche Verkehrsnetz Wiens eingebunden.

Der Eingangsbereich des Leopoldmuseums hebt sich durch eine breite Treppe, die auch barrierefrei umgangen werden kann, von dem gepflasterten Hauptplatz des Museumsquartiers ab. Das Lösen des Tickets öffnet dem Besucher, also mir, eine über vier Stockwerke gehende Halle und damit das Kunsterlebnis. Das Innenleben ist schlicht gehalten – weiße Wände, weißer Steinboden und braune Polstermöbel. Dieser einfache Stil setzt sich auch in den Ausstellungsräumen fort. Dunkelbraunes Parkett und weiße Wände mit vereinzelten Farbakzenten dominiert – ideal, um Kunstwerke in Szene zu setzen.

»Wien 1900« Aufbruch in die Moderne

Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut und beginnt im höchsten Stockwerk und wandert zeitlich fortschreitend zur Eingangsebene herab, wo sie dann abschließt. Somit musste ich zunächst den Lift benutzen; sportlichere könnten auch drei Treppenläufe überwinden. Oben angekommen beginnen die ersten Räume mit der Ringstraßenepoche, circa 30 Jahre vor 1900. Prominent werden Werke von Hans Makart präsentiert. Danach folge ich dem Wiener Stimmungsimpressionismus von Emil Jakob Schindler und Olga Wisinger-Florian in den nächsten Raum.

Nach diesem Vorspiel wird das Ausstellungsthema vorgestellt – »Wien 1900«. Fotoporträts von Wiener Berühmtheiten um die Jahrhundertwende, wie Klimt, Freud, Kelsen, Mach, Bahr und viele weitere, zieren die Wand zu meiner Linken. Ein Aussichtsfenster gibt passend dazu einen fantastischen Blick über die Wiener Innenstadt und die Architektur der Ringstraße frei. Man blickt über die Dächer hinweg. Ich verweile. Erst langsam wenden sich meine Augen ab. Dann schwelgen sie in den Textstellen zur Geschichte der Wiener Moderne und der Wiener Sezession.

Durch den nächsten Durchgang und schon befinde ich mich in den Ausstellungsräumen für deren berühmten Gründer Gustav Klimt. Sein Meisterwerk Tod und Leben, eines der Gustostückerl der Ausstellung, erfüllt den ganzen Raum. Fesselnd. Dunkel der Tod; hell das Leben. Weithin sichtbar hängt es am gegenüberliegenden Ende des Raumes. Denn Abschluss der Ebene bilden Geschirr, Möbel und Schmuck hergestellt von der Künstlervereinigung Wiener Werkstätten, sowie Kunstwerke von Koloman Moser, einem prominenten Gründungsmitglied. Damit geht es schon eine Ebene tiefer.

Quelle: Wikimedia Commons.

Leben und Tod. Gustav Klimt. 1915.

Quelle: Wikimedia Commons.

Der erste Raum im dritten Stockwerk setzt mit den Wiener Werkstätten und ihrem allumfassenden Kunstbegriff fort. Die Architektur nimmt dabei eine entscheidende Rolle ein und damit findet neben Adolf Loos und Josef Hoffman auch Otto Wagner Eingang in die Ausstellung. Ich schlendere aufmerksam weiter. Nach Klimt, dem ersten großen Star der Ausstellung, werden nun mit Oskar Kokoschka die Werke eines weiteren entscheidenden Malers der Wiener Moderne meinen »Kenneraugen« zugeführt.

Quelle: Wikimedia Commons.

Sitzender Männerakt (Selbstdarstellung). Egon Schiele. 1910.

Quelle: Wikimedia Commons.

Die Bilder und Selbstporträts Arnold Schönbergs, der vor allem mit seinen Musikkompositionen Berühmtheit erlangt hatte, füllen den folgenden Raum aus und bilden den Übergang zu den Kunstwerken von Egon Schiele, den Herzstücken der Sammlung Leopold. Die restliche Hälfte des dritten Stockwerkes ist nunmehr dessen Bilder gewidmet. Ein Schiele-Fan findet nirgends sonst wo eine solche Fülle und Variation. Ich verweile bei den Akten und Selbstporträts. Der Menschenkörper – so wie er ist. Dann wird es züchtiger: eine Häuserfront, ein Baum, ein Kardinal und eine Nonne … oje das letzte Bild war jetzt nicht so züchtig und das im katholischen Österreich.

Die Ausstellung wird dann jedoch im darunter liegenden Stockwerk unterbrochen. Ich soll im Café eine Pause bei Kaffee und Kuchen einlegen und im Shop eine Ansichtskarte kaufen. So hätte sich die Museumsleitung das gedacht.

Die abrupte Zäsur fügt sich allerdings recht gut in die Ausstellung ein, denn sie markiert den Beginn des 1. Weltkrieges. Auf Ebene 0, der Eingangsebene, setzt sie dann mit der Kriegsmalerei von Albin Egger-Lienz und weiteren Künstlern des österreichischen Expressionismus, wie Herbert Boeckl und Max Oppenheimer, fort. Den Abschluss der Ausstellung bilden Kunstwerke aus den beiden Kunststilen der Zwischenkriegszeit, der Neuen Sachlichkeit und des Magischen Realismus. Nachdem ich die Hauptausstellung beendet habe, raste ich kurz in der Eingangshalle in den dafür bereitgestellten Polstermöbeln, bevor ich die Stiege runtergehe und die Untergeschoße erkunde.

»Richard Gerstl« und »Olga Wisinger-Florian«

Angeschlossen an die Ausstellung sind zwei zum Thema passende Sonderausstellungen über Richard Gerstl und Olga Wisinger-Florian. Werke beider Maler hängen außerdem in der Hauptausstellung. Die Bilder Gerstls nehmen das erste Untergeschoss ein, während jene für Wisinger-Florian Teile des zweiten Untergeschosses beanspruchen.

Quelle: Wikimedia Commons.

Selbstportrait. Richard Gerstl. 1905.

Quelle: Wikimedia Commons.

Es folgen ein paar Ausführungen zu den mir Unbekannten. Gerstls Kunstschaffen, das in Opposition zu der vorherrschenden Kunstrichtung stand, endete tragisch, nachdem seine Affäre mit Mathilde Schönberg, der Gattin Arnold Schönbergs, aufgeflogen war. Er beging Selbstmord. Traurig, noch so jung, 25 Jahre. Mit seiner experimentellen Malerei kam er der Entwicklung des österreichischen Expressionismus zuvor. Seine Werke wurden jedoch erst in den 1930er wiederentdeckt. Seine Bilder gefallen mir.

Olga Wisinger-Florians Werke sind im Gegensatz dazu dem Stimmungsimpressionismus zuzurechnen. Als eine der wenigen Frauen, die sich zu dieser Zeit im männerdominierten Kunstgewerbe behaupten konnte, malte sie vor allem Landschaften und Gärten farbenfroh. Ihre Kunstfertigkeit ist beeindruckend, doch mir gefallen ihre Bilder nicht so, wie jene von Gerstl. Geschmackssache.

Beide Ausstellungen werden aufwendig durch Briefe und Tagebucheinträge ergänzt. Besonders die Dokumente von Gerstl geben einen eindrucksvollen Einblick in das Leben bei Schönberg am Traunsee.

Ein bildhafter Nachmittagsbesuch.

Anmerkungen

Ausstellungszeitraum:

Wien 1900, Aufbruch in die Moderne [16.3.2019 - offen]; Richard Gerstl, Inspiration – Vermächtnis [27.9.2019 - 20.1.2020]; Olga Wisinger-Florian, Flower-Power der Moderne [24.5.2019 - 21.10.2019]

Preise:

14 €; ermäßigt 10 €; Führung 3 €; Audioguide 4 €.

Öffnungszeiten:

täglich von 10:00 bis 18:00 außer Dienstag; Donnerstag bis 21 Uhr.

Website:

https://www.leopoldmuseum.org/